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2. Was ist die Vor­ge­sell­schaft?

e. Fall: Haf­tung bei der GmbH-Grün­dung

Die bei­den Freun­din­nen Berta Buck­lig (B) und Diana Dus­se­lig (D) ha­ben vor, ge­mein­sam selbst ge­fer­tigte Tü­cher, Ta­schen und Be­züge al­ler Art im „großen Stil“ zu ver­trei­ben. Dazu wol­len sie eine Ge­sell­schafts­form wäh­len, die ih­nen die Mög­lich­keit gibt, nicht per­sön­lich zu haf­ten; sie be­schlie­ßen da­her eine GmbH, die „Toi­li­ly-GmbH“, zu grün­den.

B und D schlie­ßen sich für die­sen Zweck zu­sam­men. Sie stel­len so­gar 5 An­ge­stellte ein. B lässt als ers­tes ihre Näh­ma­schi­nen von dem Fein­me­cha­ni­ker Ulli Un­ge­nau (U) war­ten, da­mit die ge­plante Groß­pro­duk­tion rei­bungs­los an­lau­fen kann. U musste auf­grund des nicht sehr fach­kun­di­gen Um­gangs der B und D an al­len Näh­ma­schi­nen er­heb­li­che Re­pa­ra­tu­ren vor­neh­men, wo­durch Kos­ten für B und D in Höhe von 5.000 € ent­stan­den sind.

Als nächs­tes wol­len die bei­den ih­ren „Ent­schluss“ zur Grün­dung der GmbH beim No­tar (N) be­ur­kun­den las­sen. In die­sem wird un­ter an­de­rem fest­ge­stellt, dass beide die von ih­nen fest­ge­legte Stamm­ein­lage von 30.000 € er­brin­gen. B und D wol­len den Be­trag je­weils zur Hälfte er­brin­gen. D soll die Ge­schäfts­füh­rung über­neh­men.

Ei­nige Tage nach­dem sie bei N wa­ren, be­stellt D auf Vor­schlag der B Stoffe und an­dere Fer­ti­gungs­ma­te­ria­lien im Wert von 40.000 € beim Groß­lie­fe­ran­ten (G).

Da­nach stel­len sie den An­trag beim zu­stän­di­gen Amts­ge­richt auf Ein­tra­gung der Ge­sell­schaft ins Han­dels­re­gis­ter. Nach der er­folg­rei­chen Ein­tra­gung in das Han­dels­re­gis­ter steht die Ge­sell­schaft durch allzu über­heb­li­che Ein­käufe der D bei dem Sub­un­ter­neh­mer (S) in Höhe von 10.000 € „in der Krei­de“.

U, G und S wol­len je­weils un­mit­tel­bar nach ih­rer Leis­tung ihr Geld ha­ben. Wie ist die Rechts­la­ge?

Lö­sungs­vor­schlag
Teil 1: An­sprü­che des U

A. U könnte einen An­spruch auf Ent­rich­tung der Ver­gü­tung in Höhe von 5.000 € ge­gen die Toi­li­ly-GmbH gem. § 631 Abs. 1 BGB ha­ben.

I. An­spruch ent­stan­den

1. Es müsste sich zu­nächst um einen Werk­ver­trag han­deln, § 631 Abs. 1 BGB. Ein Werk­ver­trag zeich­net sich da­durch aus, dass ein be­stimm­ter Er­folg ge­schul­det ist. U sollte die Näh­ma­schi­nen war­ten. Da­mit ist der be­stimmte Er­folg ver­bun­den, dass sie nach der War­tung ein­wand­frei funk­tio­nie­ren. Es han­delt sich um einen Werk­ver­trag. Die­ser setzt vor­aus, dass zwi­schen den Par­teien ein wirk­sa­mer Werk­ver­trag zu­stande ge­kom­men ist.

a) Eine Wil­lens­er­klä­rung sei­tens des U liegt vor.

b) Wil­lens­er­klä­rung der Toi­li­ly-GmbH

Frag­lich ist, ob auch eine Wil­lens­er­klä­rung sei­tens der Ge­sell­schaft, ver­tre­ten durch B, vor­liegt, § 164 Abs. 1 S. 1 BGB.

aa) B muss für eine Wil­lens­er­klä­rung für einen an­de­ren ab­ge­ge­ben ha­ben. Gem. § 13 Abs. 1 GmbHG ist die GmbH rechts­fä­hig, also im Stande eine Wil­lens­er­klä­rung durch die je­wei­li­gen Or­gane ab­zu­ge­ben. Dies setzt aber vor­aus, dass die Toi­li­ly-GmbH als sol­che schon exis­tier­te. Im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses mit U war die Ge­sell­schaft noch nicht in das Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen. Diese ist aber kon­sti­tu­tive Vor­aus­set­zung für eine GmbH.

bb) Eine GmbH lag also noch nicht vor, so­dass auch keine Wil­lens­er­klä­rung sei­tens die­ser vor­lag und kein Ver­trag mit ihr zu­stande kam.

2. Er­geb­nis

Es ist kein Ver­trag zwi­schen U und der Toi­li­ly-GmbH zu­stande ge­kom­men.

II. Ein An­spruch auf Zah­lung des Wer­k­lohns ist nicht ent­stan­den.

U hat kei­nen An­spruch auf Ent­rich­tung der Ver­gü­tung in Höhe von 5.000 € ge­gen die Toi­li­ly-GmbH gem. § 631 Abs. 1 BGB.

B. An­spruch ge­gen die Toi­li­ly-Vor-GmbH

U könnte einen An­spruch auf Ent­rich­tung der Ver­gü­tung in Höhe von 5.000 € ge­gen die Toi­li­ly-Vor-GmbH gem. § 631 Abs. 1 BGB ha­ben.

I. Es müsste wie­der ein wirk­sa­mer Werk­ver­trag vor­lie­gen.

U hat eine wirk­same Wil­lens­er­klä­rung ab­ge­ge­ben. Eine Wil­lens­er­klä­rung der Vor­ge­sell­schaft B für diese ab­ge­ge­ben ha­ben. Dies hätte zur Fol­ge, dass auf­grund der Teil­rechts­fä­hig­keit der Vor­ge­sell­schaft, diese als Ver­trags­part­ner in Frage käme. Je­doch setzt die Vor­ge­sell­schaft den Ab­schluss des no­ta­ri­el­len Ge­sell­schaf­ter­ver­tra­ges vor­aus. Vor­her ist keine Ge­sell­schaft ent­stan­den, auf die man zu­min­dest all jene Vor­schrif­ten des GmbHG an­wen­den könn­te, die keine Ein­tra­gung in das Han­dels­re­gis­ter vor­aus­setz­ten.

Da­mit lag auch eine Vor­ge­sell­schaft der Toi­li­ly-GmbH nicht vor.

II. Er­geb­nis

Es ist kein wirk­sa­mer Ver­trag zwi­schen U und der Toi­li­ly-Vor-GmbH zu­stande ge­kom­men.

U hat da­her kei­nen An­spruch auf Ent­rich­tung der Ver­gü­tung in Höhe von 5.000 € ge­gen die Vor­ge­sell­schaft der Toi­li­ly-GmbH gem. § 631 I BGB.

C. An­spruch ge­gen die Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft der Toi­li­ly-GmbH

U könnte einen An­spruch auf Ent­rich­tung der Ver­gü­tung in Höhe von 5.000 € ge­gen die Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft der Toi­li­ly-GmbH gem. § 631 Abs. 1 BGB ha­ben.

I. Es muss ein wirk­sa­mer Werk­ver­trag vor­lie­gen

1. Eine Wil­lens­er­klä­rung des U liegt vor. Es müsste auch eine Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft bei Ver­trags­schluss exis­tiert für die B eine Wil­lens­er­klä­rung ab­ge­ge­ben ha­ben kann.

B und D hat­ten sich be­reits mit Rechts­bin­dungs­wil­len zu­sam­men­ge­schlos­sen, um die spä­tere GmbH zu grün­den. Es lag so­mit eine Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft vor.

Diese ist eine Per­so­nen­ge­sell­schaft, die je nach­dem, ob sie als Kauf­mann zu wer­ten ist ent­we­der als GbR oder OHG be­steht.

GbR oder OHG?

Ob eine OHG vor­liegt, rich­tet sich da­nach, ob die Ge­sell­schaft (bzw. de­ren Ge­sell­schaf­ter) kraft Ge­setz­tes gem. §§ 105 Abs. 1, 1 Abs. 1, Abs. 2 HGB als sol­che zu wer­ten ist. Da­nach müss­ten B und D ein Han­dels­ge­werbe be­trei­ben. Ein Han­dels­ge­werbe ist je­der nach Art und Um­fang grö­ße­rer Ge­werbebe­trieb, § 1 Abs. 2 HGB.

B und D hat­ten vor selb­stän­dig für län­gere Zeit in recht­mä­ßi­ger Weise ihre Pro­dukte zu ver­kau­fen. Ein Ge­werbe liegt da­her vor. Die­ses wol­len sie im „großen Stil“ be­trei­ben. Sie ha­ben 5 An­ge­stellte ein­ge­stellt und Ge­schäfte von ho­hem Wert ab­ge­schlos­sen. Da­mit liegt ein Han­dels­ge­werbe vor, wo­durch die Vor­schrif­ten über Kauf­leute an­zu­wen­den sind.

Die Vor­ge­sell­schaft ist da­mit eine OHG.

2. Ver­tre­tung der OHG

In der OHG ist je­der Ge­sell­schaf­ter zur Ver­tre­tung be­fugt, § 114 Abs. 1 HGB (Ein­zel­ver­tre­tung). B hat die OHG da­her auch wirk­sam ver­tre­ten, so­dass eine wirk­same Wil­lens­er­klä­rung sei­tens der Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft vor­liegt.

II. Er­geb­nis

Ein Ver­trag liegt so­mit zwi­schen U und der Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft vor.

Also hat U ge­gen die Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft einen An­spruch auf die Ver­gü­tung in Höhe von 5.000 € aus § 631 I BGB (i.V.m. § 124 Abs. 1 HGB).

D. An­spruch des U ge­gen B und D per­sön­lich

U könnte aber auch einen An­spruch auf Zah­lung der 5.000 € ge­gen B und D ha­ben gem. § 631 Abs. 1 BGB i.V.m. § 128 HGB.

Gem. § 128 S. 1 HGB haf­ten die Ge­sell­schaf­ter ei­ner OHG ge­samt­schuld­ne­risch und per­sön­lich für Ver­bind­lich­kei­ten der Ge­sell­schaft.

U hat einen An­spruch ge­gen die Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft/OHG. (s.o.)

So­mit haf­ten die Ge­sell­schaf­te­rin­nen B und D per­sön­lich und ge­samt­schuld­ne­risch.

U hat da­mit auch einen An­spruch auf Zah­lung der 5.000 € ge­gen B und D gem. § 631 Abs. 1 BGB i.V.m. § 128 HGB.

2. Teil: An­sprü­che des G
A. An­spruch des G ge­gen die Toi­li­ly-GmbH

Ein An­spruch des G ge­gen die GmbH schei­det aus, da auch zu die­sem Zeit­punkt noch keine Ein­tra­gung in das Han­dels­re­gis­ter nach § 7 GmbHG, § 10 GmbHG vor­lag.

B. An­spruch des G ge­gen die Toi­li­ly-Vor-GmbH

G könnte aber einen An­spruch ge­gen die Vor­ge­sell­schaft der Toi­li­ly-GmbH gem. § 433 Abs. 2 BGB auf Zah­lung des Kauf­prei­ses in Höhe von 40.000 € ha­ben.

Dies setzt einen wirk­sa­men Kauf­ver­trag vor­aus.

Eine Wil­lens­er­klä­rung des G liegt vor.

Frag­lich ist, ob auch eine Wil­lens­er­klä­rung der Vor­ge­sell­schaft durch D vor­liegt.

Die Vor­ge­sell­schaft ent­steht ab dem Zeit­punkt, ab dem ein no­ta­ri­ell be­ur­kun­de­ter Ge­sell­schafts­ver­trag vor­liegt. D hat nach Ab­schluss des Ge­sell­schaf­ter­ver­tra­ges bei G ein­ge­kauft. Eine Vor­ge­sell­schaft liegt vor. Die Vor­ge­sell­schaft ist noch keine ju­ris­ti­sche Per­son wie die spä­tere GmbH auf­grund der feh­len­den kon­sti­tu­tiven Ein­tra­gung in das Han­dels­re­gis­ter. Je­doch ver­fügt sie we­gen des Ge­sell­schafts­ver­trages be­reits struk­tu­relle Ähn­lich­kei­ten mit ei­ner GmbH und ist da­her nicht wie eine Vor­grün­dungs­ge­sell­schaft als Per­so­nen­ge­sell­schaft zu wer­ten. Auf­grund die­ser Tat­sa­chen ist sie als Rechts­form sui ge­ne­ris zu wer­ten, auf die die Vor­schrif­ten des GmbHG in­so­weit An­wen­dung fin­den, als dass sie nicht eine Ein­tra­gung vor­aus­set­zen.

Wie die spä­tere GmbH kann auch die Vor­ge­sell­schaft nicht selbst, son­dern nur durch Or­gane han­deln. Nach au­ßen hin ver­tritt sie der Ge­schäfts­füh­rer. Da­her ist D als Ge­schäfts­füh­rerin so­wohl im In­nen­ver­hält­nis ge­schäfts­füh­rungs­be­fugt als auch im Au­ßen­ver­hält­nis ver­tre­tungs­be­fugt, § 35 GmbHG. Sie war da­her zur Ab­gabe der Wil­lens­er­klä­rung be­rech­tigt.

Eine Wil­lens­er­klä­rung sei­tens der Vor­ge­sell­schaft durch D und da­mit ein wirk­sa­mer Kauf­ver­trag lie­gen da­mit vor.

G hat einen An­spruch ge­gen die Vor­ge­sell­schaft der Toi­li­ly-GmbH gem. § 433 Abs. 2 BGB auf Zah­lung des Kauf­prei­ses in Höhe von 40.000 €.

C. An­spruch des G ge­gen B und D per­sön­lich

G könnte auch einen An­spruch ge­gen die Grün­de­rin­nen D und B als Han­delnde gem. § 433 Abs. 2 BGB i.V.m. § 11 Abs. 2 GmbHG auf Zah­lung des Kauf­prei­ses in Höhe von 40.000 € ha­ben.

Der An­spruch ist ent­stan­den, wenn vor der Ein­tra­gung der Ge­sell­schaft in das Han­dels­re­gis­ter im Na­men der Ge­sell­schaft ge­han­delt wur­de.

B und D hat­ten be­reits vor Ver­trags­schluss einen Ge­sell­schafts­ver­trag ab­ge­schlos­sen.

D hat vor Ein­tra­gung in das Re­gis­ter mit G einen Ver­trag von über 40.000 € ab­ge­schlos­sen. Die­ses Ge­schäft tä­tigte sie auch nicht pri­vat, son­dern für das Un­ter­neh­men. Da­her war sie Han­delnde im Sinne des § 11 Abs. 2 GmbHG.

B als Han­delnde nach § 11 GmbHG?

Frag­lich ist, ob auch B als Han­delnde iSd § 11 Abs. 2 GmbHG an­zu­se­hen ist. Den Ver­trag hat D mit G ab­ge­schlos­sen. B hat ihr zu die­sem Han­deln le­dig­lich ge­ra­ten. Es liegt durch le­bens­na­her Aus­le­gung gem. § 133 BGB na­he, dass in dem Rat­schlag eine Zu­stim­mung zu dem Han­deln der G zu se­hen ist. Trotz­dem ist der Be­griff des Han­deln­den so eng aus­zu­le­gen, dass dar­un­ter nur die­je­ni­gen fal­len, die für die Ge­sell­schaft nach au­ßen in den Rechts­ver­kehr auf­tre­ten.

B ist keine Han­delnde iSd § 11 Abs. 2 GmbHG.

So­mit hat sich nur D per­sön­lich ge­gen­über dem G nach § 11 Abs. 2 GmbHG haft­bar ge­macht.

G hat einen An­spruch ge­gen die Grün­de­rin D als Han­delnde gem. § 433 Abs. 2 BGB i.V.m. § 11 Abs. 2 GmbHG auf Zah­lung des Kauf­prei­ses in Höhe von 40.000 €.

3. Teil: An­sprü­che des S
A. An­sprü­che des S ge­gen die Toi­li­ly-GmbH

S könnte einen An­spruch ge­gen die Toi­li­ly-GmbH auf Zah­lung der 10.000 € aus § 433 Abs. 2 BGB ha­ben.

Da­für muss ein wirk­sa­mer Kauf­ver­trag zwi­schen den Par­teien vor­lie­gen.

Eine Wil­lens­er­klä­rung des S liegt vor. Es müsste auch eine Wil­lens­er­klä­rung der GmbH vor­lie­gen. Die Ge­sell­schaft wurde in das Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen. Die GmbH ist so­mit als ju­ris­ti­sche Per­son ent­stan­den. Sie wurde auch von der Ge­schäfts­füh­rerin wirk­sam ver­tre­ten. Eine Wil­lens­er­klä­rung liegt also vor.

Der Ver­trag ist zu Stande ge­kom­men.

S hat einen An­spruch ge­gen die Toi­li­ly-GmbH auf Zah­lung der 10.000 € aus § 433 Abs. 2 BGB.

B. An­spruch des S ge­gen B und D per­sön­lich
Ein An­spruch des S ge­gen die Ge­sell­schaf­te­rin­nen B und D in der be­ste­hen­den GmbH wird durch § 13 Abs. 2 GmbHG aus­ge­schlos­sen.
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