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D. Was um­fasst das "Ver­tre­ten­müs­sen" (§ 280 Abs. 1 S. 2 BGB iVm §§ 276 ff. BGB)?

II. Wel­che Be­deu­tung hat die Ver­schul­dens­fä­hig­keit?

Nach § 276 Abs. 1 S. 2 BGB fin­den § 827 BGB und § 828 BGB ent­spre­chende An­wen­dung. Diese Nor­men re­geln die Ver­schul­dens­fä­hig­keit (we­gen ih­rer Ein­ord­nung in die §§ 823 ff. BGB, d.h. im De­likts­recht, auch De­likts­fä­hig­keit ge­nannt). Nicht maß­geb­lich sind da­her ins­be­son­dere die Vor­schrif­ten über die Ge­schäfts­fä­hig­keit (§§ 104 ff. BGB) oder die straf­recht­li­che Schul­d­un­fä­hig­keit (§§ 19 ff. StGB).

Nach § 827 S. 1 BGB ist (ähn­lich wie in § 105 Abs. 1, Abs. 2 BGB) ein Ver­schul­den aus­ge­schlos­sen, wenn sich der Scha­densver­ur­sa­cher im Zu­stand der Be­wusst­lo­sig­keit oder in ei­nem die freie Wil­lens­be­stim­mung aus­schlie­ßen­den Zu­stand krank­haf­ter Stö­rung der Geis­te­stä­tig­keit be­fand. Al­ler­dings kennt das Ge­setz eine wich­tige Aus­nah­me: Wer sich durch geis­tige Ge­tränke oder ähn­li­che Mit­tel in einen vor­über­ge­hen­den Zu­stand die­ser Art ver­setzt, haf­tet we­gen Fahr­läs­sig­keit, so­fern er nicht ohne Ver­schul­den in den Zu­stand der Stö­rung ge­ra­ten ist.

§ 828 Abs. 1 BGB schließt eine Haf­tung für Ver­schul­den bei Min­der­jäh­ri­gen im Al­ter von bis zu sie­ben Jah­ren und aus­nahms­los voll­stän­dig aus. Bei Stra­ßen­ver­kehrs­un­fäl­len ist die Ver­ant­wort­lich­keit so­gar bis zum Al­ter von zehn Jah­ren aus­ge­schlos­sen (§ 828 Abs. 2 BGB), so­weit dem Min­der­jäh­ri­gen aus­schließ­lich Fahr­läs­sig­keit (und nicht aus­nahms­weise so­gar Vor­satz) vor­ge­wor­fen wer­den kann. Bis zur Vollen­dung des 18. Le­bens­jah­res wird im Üb­ri­gen im Ein­zel­fall ge­prüft, ob der Ju­gend­li­che bei der Be­ge­hung der schä­di­gen­den Hand­lung die zur Er­kennt­nis der Ver­ant­wort­lich­keit er­for­der­li­che Ein­sicht hat. Fehlt es an die­ser Ein­sicht, schei­det auch eine Haf­tung aus.

Im De­likts­recht (also für die An­sprü­che nach §§ 823 ff. BGB) ord­net § 829 BGB eine Er­satz­pflicht des Schul­d­un­fä­hi­gen an, wenn

  1. die Bil­lig­keit nach den Um­stän­den, ins­be­son­dere nach den Ver­hält­nis­sen der Be­tei­lig­ten, aus­nahms­weise zwin­gend eine Schad­los­hal­tung (also den Aus­gleich des Scha­dens) er­for­dert, d.h. dem Ge­schä­dig­ten aus Ge­rech­tig­keits­grün­den un­ter kei­nen Um­stän­den zu­ge­mu­tet wer­den kann, den Ver­lust selbst zu tra­gen und
  2. dem Min­der­jäh­ri­gen nicht die Mit­tel ent­zo­gen wer­den, de­ren er zum an­ge­mes­se­nen Un­ter­halt so­wie zur Er­fül­lung sei­ner ge­setz­li­chen Un­ter­halts­pflich­ten be­darf, also der Min­der­jäh­rige sich den Ver­lust auch leis­ten kann.

Diese sehr eng aus­zu­le­gende Re­ge­lung soll grobe Un­bil­lig­kei­ten im Aus­nah­me­fall ver­mei­den, in­dem der nicht nach §§ 827 f. BGB ver­ant­wort­li­che Schä­di­ger (z.B. ein sehr wohl­ha­ben­der Sechs­jäh­ri­ger schä­digt einen ar­men Fa­mi­li­en­va­ter, der so nicht mehr seine Kin­der ver­sor­gen kann) gleich­wohl scha­denser­satz­pflich­tig sein kann. Um­strit­ten ist, ob diese Bil­lig­keits­haf­tung aus § 829 BGB ana­log auch im Rah­men von § 280 BGB her­an­ge­zo­gen wer­den darf.

Ge­gen eine ana­loge An­wen­dung spre­chen Wort­laut und Sys­te­ma­tik: Die Re­ge­lung wird of­fen­sicht­lich an­ders als § 827 BGB und § 828 BGB nicht im Ver­weis des § 276 Abs. 1 S. 2 BGB ge­nannt. Zu­dem sind sol­che "Bil­lig­keits­re­ge­lun­gen" im streng for­ma­li­sier­ten deut­schen Zi­vil­recht un­ty­pisch und da­her mög­lichst vor­sich­tig und re­strik­tiv (sel­ten) an­zu­wen­den.

Für eine ana­loge An­wen­dung spricht, dass bei Be­ste­hen ei­nes Schuld­ver­hält­nisses (also im Rah­men von § 280 BGB) eine Ga­ran­tiehaf­tung und da­her auch eine Bil­lig­keits­haf­tung so­gar bes­ser zu recht­fer­ti­gen ist als bei Feh­len ei­ner der­ar­ti­gen Son­der­be­zie­hung im Rah­men der §§ 823 ff. BGB: Ob man ein Schuld­ver­hält­nis im Sinne von § 280 Abs. 1 S. 1 BGB be­grün­det, hängt von ei­ner vor­he­ri­gen Ent­schei­dung (bei ei­nem Ver­tragsschluss ggf. der ge­setz­li­chen Ver­tre­ter) ab. Dann ist aber auch erst Recht eine stren­gere Haf­tung im Rah­men die­ser Son­der­be­zie­hung zu recht­fer­ti­gen. Die Recht­spre­chung wen­det § 829 BGB zu­dem zu Las­ten ei­nes schul­d­un­fä­hi­gen Ge­schä­dig­ten im Rah­men des Mit­ver­schul­dens (§ 254 Abs. 1 BGB) an. Dann wäre es wi­der­sprüch­lich, die Re­ge­lung nicht auch im Rah­men des § 276 Abs. 1 S. 2 BGB zu Las­ten ei­nes schul­d­un­fä­hi­gen Schä­di­gers ent­spre­chend her­an­zu­zie­hen.

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