Universität Passau Universität Passau Lernplattform JuraLehreinheiten
Seite von · 7 Min. · noch 68 Min. im Kapitel
Willkommen! Sie lesen als Gast. Melden Sie sich an, damit wir Ihren Lesestand speichern und Sie Lesezeichen setzen, Seiten bewerten und Anmerkungen schreiben können.

a. Was ver­steht man un­ter "ob­li­ga­to­ri­scher Ge­fahr­ent­las­tung"?

Fall­bei­spiel - Dritt­scha­dens­li­qui­da­tion

Selbst­kon­trol­l­auf­ga­be: Bau­herr B lässt von Dach­de­cker D sein Dach re­no­vie­ren. Au­ßer­dem be­auf­tragte er Hand­wer­ker H, sei­nen Dach­bo­den aus­zu­bau­en. Auf­grund ei­nes von H ver­schul­de­ten Feu­ers brennt das Haus des B ab. Zu die­sem Zeit­punkt wa­ren die Ar­bei­ten des D im Wert von 15.000 € be­reits fer­tig­ge­stellt. Da B aber im Ur­laub war, hatte er das Werk des D noch nicht ab­ge­nom­men (§ 640 BGB). D ver­langt Zah­lung sei­nes Wer­k­lohns, egal von wem. Hat D einen An­spruch?

Ant­wort (bitte ankli­cken)

A. D könnte ge­gen B einen An­spruch auf Zah­lung des Wer­k­lohns iHv. 15.000 € aus § 631 Abs. 1 BGB ha­ben.

I. Ein wirk­sa­mer Werk­ver­trag iSd. § 631 BGB ist ge­ge­ben.

II. Je­doch ist die Er­brin­gung der Leis­tung für D nun­mehr (man­gels ei­nes Hau­ses) un­mög­lich ge­wor­den (§ 275 Abs. 1 BGB). Da­mit ent­fällt die Ge­gen­leis­tungs­pflicht des D (§ 326 Abs. 1 S. 1 BGB).

Die be­reits ab­ge­schlos­se­nen Ar­bei­ten kön­nen B man­gels Ge­fah­ren­über­gangs (§ 644 BGB) nicht an­ge­rech­net wer­den, denn die da­für not­wen­dige Ab­nahme (§ 640 BGB) ist noch nicht er­folgt.

Da­her war der An­spruch noch nicht fäl­lig, so­dass ein An­spruch des D aus § 631 Abs. 1 BGB aus­schei­det.

B. D könnte ge­gen B einen An­spruch auf Zah­lung iHv. 15.000 € aus § 632a Abs. 1 BGB ha­ben.

I. Mit Ab­schluss der Ar­bei­ten hat D seine Leis­tun­gen ver­trags­ge­mäß iSd. § 632a I 1 BGB er­bracht. In die­sem Zeit­punkt lag auch ein Wert­zu­wachs bei B vor, so­dass der An­spruch grund­sätz­lich be­steht.

II. Al­ler­dings ist die­ser Wert­zu­wachs durch den Brand wie­der zu­nichte ge­macht wor­den.

Die Er­brin­gung des Wer­kes ist ab die­sem Zeit­punkt nach § 275 Abs. 1 BGB un­mög­lich (da es kein Haus mehr gibt, an dem B seine Ar­bei­ten vor­neh­men könn­te). Gem. § 644 Abs. 1 BGB trägt D die Ge­fahr des Un­ter­gangs der Leis­tung bis zur Ab­nah­me.

Da­her ist der An­spruch des D aus § 632a BGB er­lo­schen.

C. Zwi­schen D und H be­ste­hen kei­ner­lei schuld­recht­li­che Ver­bin­dun­gen, so­dass An­sprü­che aus §§ 280 ff. BGB aus­schei­den.

D. Ein An­spruch des D ge­gen H aus § 823 Abs. 1 BGB schei­det aus, da schon eine Ei­gen­tumsver­let­zung als ein­zig in Be­tracht zu zie­hende Rechts­guts­ver­let­zung zu ver­nei­nen ist.

Durch den Ein­bau hat D das Ei­gen­tum an sei­nen Ma­te­ria­lien gem. § 946 BGB, § 93 BGB, § 94 BGB an B ver­lo­ren.

E. D könnte aber einen An­spruch aus § 280 Abs. 1 BGB iVm. den Grund­sät­zen des Ver­trages mit Schut­z­wir­kung zu­guns­ten Dritter we­gen ei­ner Pflicht­ver­let­zung des Werk­ver­tra­ges zwi­schen B und H ha­ben.

I. Es ist all­ge­mein an­er­kannt, dass Dritte in den Schutz­be­reich ei­nes Schuld­ver­hält­nisses ein­be­zo­gen wer­den kön­nen. Als Rechts­grund­lage wer­den ver­schie­dene Lö­sun­gen vor­ge­schla­gen. In Be­tracht kom­men § 328 BGB, er­gän­zende Ver­tragsaus­le­gung, rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung und § 311 Abs. 3 S. 1 BGB. Hier­für müss­ten ku­mu­la­tiv fol­gende Vor­aus­set­zun­gen er­füllt sein:

  1. Leis­tungsnähe - Der Dritte müsste be­stim­mungs­ge­mäß den Ge­fah­ren des Schuld­ver­hält­nisses ebenso aus­ge­lie­fert sein wie der Gläu­bi­ger.
  2. Schut­z­in­ter­esse des Gläu­bi­gers - Der Gläu­bi­ger müsste ein be­rech­tig­tes In­ter­esse am Schutz des Dritten ha­ben. Dies nimmt der BGH zu­nächst nur dann an, wenn der Gläu­bi­ger für das „Wohl und We­he“ des Dritten mit­ver­ant­wort­lich ist.
  3. Er­kenn­bar­keit für den Schuld­ner - Leis­tungsnähe und Schut­z­in­ter­esse des Gläu­bi­gers müss­ten bei Ver­tragsab­schluss für den Schuld­ner er­kenn­bar sein, da­mit die­ser sein Ri­siko ab­schät­zen kann.
  4. Schutz­be­dürf­tig­keit des Dritten - Der Dritte darf selbst kei­nen ver­trag­li­chen An­spruch des­sel­ben In­halts ha­ben.

II. Hier ist be­reits die Leis­tungsnähe zwei­fel­haft. Je­den­falls schei­tert der An­spruch an der Gläu­bi­gernä­he. We­der ist ein sog. per­so­nen­recht­li­cher Ein­schlag ge­ge­ben, noch ein ge­stei­ger­ter Wille zur Be­grün­dung ei­ner Rück­sicht­nah­me­pflicht (§ 241 Abs. 2 BGB) ge­gen­über D zu er­ken­nen.

F. Je­doch könnte D ge­gen B einen An­spruch auf Ab­tre­tung sei­ner ge­gen H zu­ste­hen­den An­sprü­che aus ei­ner ana­lo­gen An­wen­dung von § 285 BGB ha­ben.

I. Nach § 285 BGB müsste der Schuld­ner von ei­ner Pflicht we­gen Un­mög­lich­keit be­freit wor­den sein. Hier ist die Leis­tungs­pflicht des B ge­gen­über D nach § 326 Abs. 1 S. 1 BGB un­ter­ge­gan­gen (siehe oben). Diese Kon­stel­la­tion ist mit § 285 BGB ver­gleich­bar.

II. Wei­ter­hin müsste B einen An­spruch ge­gen H er­langt ha­ben. In Be­tracht kommt § 823 Abs.1 BGB.

1. Es wurde ein Rechts­gut des B (des­sen neu ge­deck­tes Dach) ver­letzt.

2. Dies be­ruhte auf ei­ner Hand­lung des H.

3. Dies ge­schah auch rechts­wid­rig und schuld­haft.

4. Schließ­lich müsste B ein Scha­den ent­stan­den sein.

Für die Wer­k­leis­tung des D musste B je­doch nicht be­zah­len. Er hat nach wie vor kein ge­deck­tes Dach. B hat kei­nen Scha­den.

Je­doch könnte er auch den Ver­lust des D in Form des ent­gelt­lo­sen Dach­de­ckens gel­tend ma­chen, wenn die Vor­aus­set­zun­gen der Dritt­scha­dens­li­qui­da­tion vor­lie­gen:

a. D müsste einen Scha­den, aber kei­nen An­spruch ha­ben. Der Scha­den des D liegt im Dach­de­cken, ohne einen Wer­k­lohn ver­lan­gen zu kön­nen. So­wohl ver­trag­li­che also auch de­lik­ti­sche An­sprü­che des D ge­gen ir­gend­je­man­den schei­den aus (siehe oben).

b. B müsste einen An­spruch, aber kei­nen Scha­den ha­ben. B hat hier ge­gen H An­sprü­che aus § 280 Abs. 1 BGB we­gen Pflicht­ver­let­zung aus dem Werk­ver­trag, aus § 823 Abs. 1 BGB (siehe oben) und § 823 Abs. 2 BGB iVm. § 306d StGB. Hin­weis: Das müs­sen Sie in ei­ner Klau­sur ggf. aus­führ­lich in­zi­dent oder vor­her fest­stel­len! B hat aber hin­sicht­lich des Daches kei­nen Scha­den, da er dem D we­gen § 644 Abs. 1 S. 1 BGB keine Ver­gü­tung schul­det.

c. Die Scha­densver­la­ge­rung müsste zu­fäl­lig sein. Dies ist zu be­ja­hen, wenn ein Fall der ob­li­ga­to­ri­schen Ge­fah­ren­ent­las­tung ge­ge­ben ist. Nach § 644 Abs. 1 S.1 BGB trägt der Werkun­ter­neh­mer bis zur Ab­nahme des Wer­kes (§ 640 Abs. 1 BGB) die Ge­fahr, bei zu­fäl­li­gem Un­ter­gang der Sa­che kei­nen Wer­k­lohn zu er­hal­ten.

Da­her kann B den Scha­den des D wie einen ei­ge­nen ge­gen H gel­tend ma­chen. Er hat also einen An­spruch ge­gen D.

III. D hat einen An­spruch auf Ab­tre­tung des Scha­denser­satzan­spruchs des B ge­gen H in Be­zug auf die ihm ent­stan­de­nen Ver­lus­te.

Sie haben diese Seite  besucht (zuletzt ).

Fragen oder Anregungen zu dieser Seite? Nach der Anmeldung können Sie Anmerkungen schreiben und die Seite bewerten.


Grundkurs Privatrecht (Stand 2026) lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International.