(1) Was ist ein "In­halt­sirr­tum" (§ 119 Abs. 1, 1. Var. BGB)?

(a) Wel­che Kon­stel­la­tio­nen des In­halt­sirr­tums sind zu un­ter­schei­den?

Man kann zwi­schen ver­schie­de­nen Er­schei­nungs­for­men von In­halt­sirr­tü­mern dif­fe­ren­zie­ren. In der Klau­sur soll­ten Sie diese nicht ex­pli­zit be­nen­nen, sie kön­nen je­doch eine Ori­en­tie­rung ge­ben:

  • Ver­laut­bar­keit­sirr­tum: Der Er­klä­rende irrt über den Sinn sei­nes Er­klä­rungs­mit­tels.

Der Er­klä­rende ver­wen­det einen Fach­aus­druck, der für den Emp­fän­ger als Fach­mann einen an­de­ren Sinn als für ihn als Laien hat (Gros) oder ei­ner Fremd­spra­che (Haakjö­ringskjöd).

  • Irr­tum über den Ge­schäfts­typ (er­ror in ne­go­tio): Es wird ein an­de­rer Ver­tragstyp ge­wählt, als ge­wollt.

Der Er­klä­rende un­ter­schreibt einen Schuld­bei­tritt, ob­wohl er sich ei­gent­lich ver­bür­gen möch­te.

  • Irr­tum über die Per­son (er­ror in per­so­na): Der Er­klä­rende irrt über die Per­son des Ver­tragspart­ners.

A will zu Wer­bezwe­cken ein Ho­tel­zim­mer an die Bundes­kanz­le­rin An­gela Mer­kel zu ei­nem Son­der­preis ver­mie­ten. In Wirk­lich­keit hat je­doch eine völ­lig un­be­kannte Na­mens­vet­te­rin das Zim­mer ge­bucht.

  • Irr­tum über den Ge­gen­stand (er­ror in obiec­to): Der Er­klä­rende irrt über die Iden­ti­tät oder den Um­fang des Ge­schäfts­ge­gen­stan­des.

A ser­viert in sei­nem Re­stau­rant ver­se­hent­lich statt ei­nes bil­li­gen Haus­weins einen teu­ren fran­zö­si­schen Bor­deaux.

  • Irr­tum über die Rechts­fol­gen: § 119 Abs. 1 S. 1 BGB ist nicht an­wend­bar, wenn das Rechts­ge­schäft au­ßer den er­streb­ten Rechts­fol­gen un­er­kannte oder nicht er­wünschte Ne­ben­wir­kun­gen hat oder wenn sich der Er­klä­rende über die recht­li­che Be­deu­tung des Schwei­gens irrt. Ein In­halt­sirr­tum liegt nur vor, wenn be­reits der Kern­in­halt des Rechts­ge­schäfts ver­fehlt wur­de.

A und B kor­re­spon­die­ren aus­schließ­lich per SMS mit vie­len Ab­kür­zun­gen. A will B et­was ver­kau­fen - B denkt je­doch, A wolle et­was von ihm kau­fen und ant­wor­tet schlicht mit "Ja". Hier ist der Ver­trag wirk­sam zu­stan­de­ge­kom­men - aber er kann nach § 142 Abs. 1 BGB iVm § 119 Abs. 1, 1. Var. BGB an­ge­foch­ten wer­den.

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