B. Un­ter wel­chen Voraus­set­zun­gen gibt es Scha­denser­satz?

III. Was ist ein "Ver­zö­ge­rungs­scha­den" im Sinne von § 280 Abs. 2 BGB?

Die §§ 286 ff. BGB sind auf alle rechts­ge­schäft­li­chen und ge­setz­li­chen Schuld­ver­hält­nisse an­wend­bar. Bei den ge­setz­li­chen Schuld­ver­hält­nissen gibt es je­doch ei­nige Son­der­re­ge­lun­gen: §§ 812 ff. BGB (Ver­zugs­haf­tung nur nach § 818 IV bzw. § 819 BGB iVm §§ 292, 990 Abs. 2, 286 ff. BGB) und §§ 987 ff. BGB (ein­ge­schränkte Haf­tung nach § 990 Abs. 2 BGB). Des Wei­te­ren han­delt es sich bei den §§ 286 ff. BGB um dis­po­si­ti­ves Recht, das grund­sätz­lich durch Par­tei­en­ver­ein­ba­rung oder AGB (Gren­zen siehe §§ 305 ff. BGB) ab­be­dun­gen wer­den kann.

Wäh­rend der Scha­denser­satz "statt" der Leis­tung an das Ver­hält­nis der als Er­satz er­brach­ten Geld­zah­lung zur ur­sprüng­lich ge­schul­de­ten Leis­tung, d.h. an die Rechts­folge der Haf­tung, an­knüpft, stellt der Scha­denser­satz "we­gen Ver­zö­ge­rung" auf die Pf­licht­ver­let­zung ab. Es geht also um Ver­mö­gens­ver­lus­te, die ge­rade da­durch ent­ste­hen, dass eine Leis­tung zu spät er­bracht wird.

Wer ein Auto kauft, das am 1. Au­gust ge­lie­fert wer­den soll, kann die­ses Auto nicht nut­zen, um am 2. Au­gust in Ur­laub zu fah­ren, wenn sich die Lie­fe­rung ver­zö­gert. Die Kos­ten für die Miete ei­nes Er­satz­fahr­zeugs sind dann ein Ver­mö­gens­ver­lust we­gen Ver­zö­ge­rung der Leis­tung.

Diese Schä­den könnte man als Scha­denser­satz statt der (recht­zei­ti­gen) Leis­tung an­se­hen, da ge­rade der Wert­ver­lust durch die spä­ter nicht mehr mög­li­che Leis­tung zur rech­ten Zeit er­setzt wer­den soll. Es würde sich also um Scha­denser­satz statt der Leis­tung han­deln, der nach § 280 Abs. 3 BGB un­ter den Voraus­set­zun­gen der §§ 281 ff. BGB zu er­set­zen wä­re.

Das BGB re­gelt dies je­doch an­ders: Nach § 280 Abs. 2 BGB ist der Scha­denser­satz we­gen Ver­zö­ge­rung der Leis­tung kein Scha­denser­satz statt der Leis­tung im Sinne von § 280 Abs. 3 BGB und muss da­her auch nicht den zu­sätz­li­chen Voraus­set­zun­gen des § 281 BGB, des § 282 BGB oder des § 283 BGB ge­nü­gen.

Ganz ohne wei­tere Voraus­set­zun­gen will das Ge­setz den Ver­zö­ge­rungs­scha­den aber trotz­dem nicht ge­wäh­ren: § 280 Abs. 2 BGB ver­weist auf die zu­sätz­li­che Voraus­set­zung des § 286 BGB und da­mit auf das Vor­lie­gen von Ver­zug des Schuld­ners. Die­ser hat wie­derum vier Voraus­set­zun­gen:

  1. Es muss eine fäl­lige (§ 271 Abs. 1 BGB), nicht er­lo­schene (insb. § 275 Abs. 1 BGB) und durch­setz­bare Leis­tungs­pflicht be­ste­hen.
  2. Diese Leis­tungs­pflicht muss (noch) nicht er­füllt sein, wo­bei be­reits eine vom Gläu­bi­ger an­ge­nom­mene Schlecht­leis­tung den Ver­zug be­en­det (und ggf. An­sprü­che aus dem Ge­währ­leis­tungs­recht aus­löst).
  3. Es muss eine Mah­nung (§ 286 Abs. 1 S. 1 BGB), eine Klage­er­he­bung (§ 286 Abs. 1 S. 2, 1. Var. BGB iVm § 253 ZPO iVm § 261 ZPO), die Zu­stel­lung ei­nes Mahn­be­schei­des (§ 286 Abs. 1 S. 2, 2. Var. BGB iVm § 693 ZPO), ei­ner der vier Aus­nah­me­fälle des § 286 Abs. 2 BGB oder ein Fall des § 286 Abs. 3 BGB vor­lie­gen.
  4. Der Schuld­ner muss die Nich­ter­brin­gung der ge­schul­de­ten Leis­tung zu ver­tre­ten ha­ben (§ 286 Abs. 4 BGB iVm § 276 BGB bzw. § 278 BGB). Da es sich um das­selbe Ver­tre­ten­müs­sen wie bei § 280 Abs. 1 S. 2 BGB han­delt (ab­ge­se­hen von ei­ner zeit­li­chen Kon­kre­ti­sie­rung auf den Zeit­punkt, in dem die ob­jek­ti­ven Voraus­set­zun­gen des Ver­zugs vor­lie­gen), müs­sen Sie dies nicht dop­pelt prü­fen. Prak­tisch wer­den da­mit vor al­lem die Fälle der un­ver­schul­de­ten vor­über­ge­hen­den Un­mög­lich­keit der Leis­tung aus­ge­nom­men.
  5. Der Schuld­ner hat gem. §§ 280 Abs. 1, Abs. 2, 286 BGB den Ver­zö­ge­rungs­scha­den des Gläu­bi­gers zu er­set­zen, d.h. den­je­ni­gen Scha­den, der in­folge der ver­spä­te­ten Leis­tung ent­stan­den ist. Da es sich al­ler­dings hier um Scha­denser­satz ne­ben der Leis­tung han­delt, kann der Gläu­bi­ger wei­ter­hin vom Schuld­ner Er­fül­lung ver­lan­gen. In­halt und Um­fang des Scha­denser­satz­an­spru­ches rich­ten sich nach §§ 249 ff. BGB. Auch hier gilt der Grund­satz der Na­tu­ral­re­sti­tu­tion. Da die Mög­lich­keit ei­ner Na­tu­ral­re­sti­tu­tion aber eher die Aus­nahme dar­stellt, wird im Re­gel­fall Wer­ter­satz gem. § 251 Abs. 1 BGB zu leis­ten sein.
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