10. Ka­pi­tel: Was ist eine Vor­mer­kung?

E. Fall: Der Mi­ni­golf­platz auf frem­dem Grund­stück

V ist zu Un­recht im Grund­buch als Ei­gen­tü­mer ei­nes Land­grund­stücks in Wup­per­tal ein­ge­tra­gen. Wah­rer Ei­gen­tü­mer des Grund­stücks ist der E. V ver­äu­ßert das Grund­stück an den gut­gläu­bi­gen D. Noch be­vor der D als Ei­gen­tü­mer in das Grund­buch ein­ge­tra­gen wird, er­wirkt der E je­doch eine einst­wei­lige Ver­fü­gung, auf­grund de­rer ein Wi­der­spruch ge­gen die Ein­tra­gung des V ins Grund­buch auf­ge­nom­men wird. Den­noch kam es in der Fol­ge­zeit auf­grund ei­nes Ver­se­hens des Grund­bucham­tes zu ei­ner Ein­tra­gung des D als Ei­gen­tü­mer des Grund­stücks.

In der Fol­ge­zeit ließ der D auf dem Grund­stück einen Mi­ni­golf­platz er­rich­ten, was ob­jek­tiv be­trach­tet zu ei­nem Wert­ge­winn des Grund­stücks ge­führt hat. Als der E durch Zu­fall auf die Be­bau­ung auf­merk­sam wird, ver­langt er von D die so­for­tige Rich­tig­stel­lung des Grund­buchs.

Der D ver­wei­gerte dar­auf­hin je­doch die Be­rich­ti­gungs­er­klä­rung. Er ist der An­sicht, dass er gut­gläu­big Ei­gen­tum an dem Grund­stück er­wor­ben ha­be. Zu­dem sei er zur Be­rich­ti­gung nur be­reit, wenn der V ihm die Her­stel­lungs­kos­ten für den Mi­ni­golf­platz, die 30.000 € be­tra­gen, er­stat­tet. E er­wi­dert da­ge­gen, der Mi­ni­golf­platz sei für ihn nutz­los, da er kein Mi­ni­golf spiele und eine sol­che Be­schäf­ti­gung auch für in­fan­til hal­te. Für ihn komme da­her nur eine Be­sei­ti­gung des Plat­zes in Fra­ge.

Hat der E ge­gen D einen An­spruch auf Zu­stim­mung zur Grund­buchbe­rich­ti­gung?

Lö­sungs­vor­schlag
E könnte ge­gen D einen An­spruch auf Grund­buchbe­rich­ti­gung nach § 894 BGB ha­ben.
I. Un­rich­tig­keit des Grund­buchs
Erste Voraus­set­zung für den Grund­buchbe­rich­ti­gungs­an­spruch ist, dass das Grund­buch nicht im Ein­klang mit der wah­ren Rechts­lage steht, vgl. § 894 BGB. Dies wäre dann der Fall, wenn der D zu Un­recht als Ei­gen­tü­mer in das Grund­buch ein­ge­tra­gen wä­re.
1. Ei­gen­tumser­werb des D über §§ 873 Abs. 1, 925 Abs. 1 BGB
V hat über das Grund­stück des E als Nicht­be­rech­tig­ter ver­fügt, da­her hat D nicht über §§ 873 Abs. 1, 925 Abs. 1 BGB Ei­gen­tum an dem Grund­stück er­wor­ben.
2. Gut­gläu­bi­ger Ei­gen­tumser­werb des D über §§ 873 Abs. 1, 925 Abs. 1, 892 BGB

Mög­li­cher­weise hat der D je­doch gut­gläu­big das Ei­gen­tum an dem Grund­stück des E er­wor­ben. Dies­be­züg­lich ist al­ler­dings fest­zu­hal­ten, dass im in­so­weit maß­geb­li­chen Mo­ment der Vollen­dung des Recht­s­er­werbs ein Wi­der­spruch ge­gen die Rich­tig­keit des Grund­buchs (vgl. § 899 BGB) ein­ge­tra­gen war.

Da­her hat der D auch nicht gut­gläu­big das Ei­gen­tum an dem Grund­stück er­wor­ben.

3. Ge­gen­rechte des D
Der An­spruch des E auf Be­rich­ti­gung des Grund­buchs könnte al­ler­dings ge­hemmt sein. Dies wäre bei­spiels­weise dann der Fall, wenn dem D ein Zu­rück­be­hal­tungs­recht zu­steht, auf­grund des­sen der D vor­über­ge­hend zur Ver­wei­ge­rung der Be­wil­li­gung zur Grund­buchbe­rich­ti­gung be­rech­tigt wä­re.
a) Zu­rück­be­hal­tungs­recht aus § 1000 S. 1 BGB i.V.m. §§ 994, 996 BGB ana­log
Dem D könnte hier mög­li­cher­weise ein Zu­rück­be­hal­tungs­recht aus § 1000 S. 1 BGB i.V.m. §§ 994, 996 BGB ana­log zu­ste­hen.
Ana­loge An­wend­bar­keit des § 1000 S. 1 BGB?
Dies­be­züg­lich muss je­doch zu­nächst ge­klärt wer­den, ob § 1000 S. 1 BGB auf den Be­rich­ti­gungs­an­spruch aus § 894 BGB di­rekt oder ana­log an­ge­wen­det wer­den kann.
(1) Di­rekte An­wen­dung
Eine di­rekte An­wen­dung des § 1000 BGB auf den An­spruch aus § 894 BGB schei­det al­ler­dings aus, zu­mal § 1000 BGB nach sei­nem Wort­laut und sei­ner Sys­te­ma­tik auf den Vin­di­ka­ti­ons­an­spruch aus § 985 BGB an­zu­wen­den ist.
(2) Ana­loge An­wen­dung

Für eine ana­loge An­wen­dung des § 1000 BGB auf der­ar­tige Kon­stel­la­tio­nen müsste je­doch eine plan­wid­rige Ge­set­zes­lücke und eine ver­gleich­bare In­ter­es­sen­lage ge­ge­ben sein.

Hin­sicht­lich der plan­wid­ri­gen Re­ge­lungs­lücke ist fest­zu­hal­ten, dass das Ge­setz für den An­spruch aus § 894 BGB keine ei­gen­stän­dige Re­ge­lung für et­waige Zu­rück­be­hal­tungs­rechte sta­tu­iert hat. Eine sol­che plan­wid­rige Re­ge­lungs­lücke kann also an­ge­nom­men wer­den.

Zu­sätz­lich müsste al­ler­dings auch eine ver­gleich­bare In­ter­es­sen­lage der bei­den Kon­stel­la­tio­nen ge­ge­ben sein. Dies­be­züg­lich ist fest­zu­hal­ten, dass es sich so­wohl beim Her­aus­ga­be­an­spruch aus § 985 BGB als auch beim An­spruch auf Grund­buchbe­rich­ti­gung aus § 894 BGB um ding­li­che An­sprü­che han­delt, die je­weils auf die Be­sei­ti­gung ei­ner be­ste­hen­den Be­ein­träch­ti­gung ge­rich­tet sind. § 985 BGB ist al­ler­dings auf die un­mit­tel­bare Be­sitzver­schaf­fung ge­rich­tet, wäh­rend § 984 BGB nur die Rich­tig­stel­lung des Pub­li­zi­tätsträ­gers - d.h. des Grund­buchs - bezweckt. Folg­lich ist hier eine ver­gleich­bare In­ter­es­sen­lage nicht ge­ge­ben und eine ana­loge An­wen­dung des § 1000 S. 1 BGB schei­det aus.

b) Ver­wen­dungser­satz­an­sprü­che aus §§ 994 ff. BGB ana­log
Dem D könn­ten ge­gen E je­doch Ver­wen­dungser­satz­an­sprü­che aus §§ 994 ff. BGB ana­log zu­ste­hen.
(aa) Ana­loge An­wen­dung der §§ 994 ff. BGB auf § 894 BGB

Zu­nächst müsste die ana­loge An­wen­dung der Ver­wen­dungser­satz­an­sprü­che auf den Grund­buchbe­rich­ti­gungs­an­spruch aus § 894 BGB mög­lich sein.

Dies­be­züg­lich ist fest­zu­stel­len, dass die Stel­lung des Buchei­gen­tü­mers bei ei­ner wer­ten­den Be­trach­tungs­weise der­je­ni­gen des nicht­be­rech­tig­ten Be­sit­zers ent­spricht. Wie der nicht­be­rech­tigte Be­sit­zer agiert auch der Buch­be­rech­tigte im Rechts­kreis des Ei­gen­tü­mers. Ins­be­son­dere hin­dert er ihn an der Ver­fü­gung über sein Ei­gen­tum.

Da­her ist ne­ben ei­ner plan­wid­ri­gen Re­ge­lungs­lücke auch eine ver­gleich­bare In­ter­es­sen­lage an­zu­neh­men, wes­halb die ganz h.M. auch von der Mög­lich­keit ei­ner ana­lo­gen An­wen­dung der §§ 994 ff. BGB auf § 894 BGB aus­geht.

(bb) Ver­wen­dungen nach §§ 994 ff. BGB

Bei dem von D er­rich­te­ten Mi­ni­golf­platz müsste es sich zu­nächst um Ver­wen­dungen i.S.d. §§ 994 ff. BGB han­deln.

Un­ter den Ver­wen­dungsbe­griff des § 994 BGB fal­len je­den­falls alle wil­lent­li­chen Ver­mö­gens­auf­wen­dun­gen des Be­sit­zers, die der Sa­che zu­gute kom­men sol­len, in­dem sie sie wie­der­her­stel­len, er­hal­ten oder ver­bes­sern.

Um­strit­ten ist al­ler­dings, ob auch dann noch von ei­ner Ver­wen­dung aus­ge­gan­gen wer­den kann, wenn die Maß­nahme zu ei­ner grund­le­gen­den Ver­än­de­rung oder Um­ge­stal­tung der Sa­che führt. Eine sol­che grund­le­gende Ver­än­de­rung liegt etwa dann vor, wenn wie im vor­lie­gen­den Fall auf ei­nem bis­her un­be­bau­ten Grund­stück eine bau­li­che An­lage - etwa ein Mi­ni­golf­platz - er­rich­tet wird.

(1) En­ger Ver­wen­dungsbe­griff (BGH)

Dem BGH fol­gend liegt eine Ver­wen­dung i.S.d. § 994 BGB nur dann vor, wenn die Sa­che als sol­che er­hal­ten bleibt. Ver­wen­dungen seien da­her nur sol­che Maß­nah­men, die dar­auf ab­zie­len, den Be­stand der Sa­che als sol­chen zu er­hal­ten oder wie­der­her­zu­stel­len bzw. den Zu­stand der Sa­che zu ver­bes­sern.

Nach die­ser An­sicht würde man­gels Ver­wen­dung ein Zu­rück­be­hal­tungs­recht des D aus­schei­den.

(2) Wei­ter Ver­wen­dungsbe­griff (h.L.)

Nach der herr­schen­den Lehre liegt da­ge­gen auch dann eine Ver­wen­dung vor, wenn durch die Maß­nahme die Sa­che ver­än­dert wird. Ent­schei­dend sei dies­be­züg­lich le­dig­lich, dass die Maß­nahme der Sa­che ir­gend­wie zu­gute kommt.

Da­nach könnte durch die Zu­satz­be­bau­ung dem wei­ten Ver­wen­dungsbe­griff fol­gend eine Ver­wen­dung vor­lie­gen.

(c) Strei­tent­scheid

Vor­lie­gend kom­men die dar­ge­stell­ten An­sich­ten zu un­ter­schied­li­chen Er­geb­nis­sen, da­her ist ein Strei­tent­scheid er­for­der­lich.

Für den wei­ten Ver­wen­dungsbe­griff spricht, dass man im Falle ei­ner zu en­gen Aus­le­gung des Ver­wen­dungsbe­griffs zu Ex­trem­lö­sun­gen ge­lan­gen wür­de. So­fern man in den §§ 994 ff. BGB eine ab­schlie­ßen­de, das Be­rei­che­rungs­recht ver­drän­gende Son­der­re­ge­lung er­bli­cken wür­de, wäre der be­sit­zende Ver­wen­der zu­meist auf ein häu­fig wert­lo­ses Weg­nah­me­recht ver­wie­sen. Würde man an­de­rer­seits auf das Be­rei­che­rungs­recht ver­wei­sen, wür­den in­so­weit die dif­fe­ren­zier­ten Haf­tungs­re­ge­lun­gen der §§ 994 ff. BGB un­ter­mi­niert. Da­her ist im Er­geb­nis mit der h.L. von ei­ner Ver­wen­dung i.S.d. §§ 994 ff. BGB aus­zu­ge­hen.

(3) Nütz­li­che Ver­wen­dung nach § 996 BGB ana­log
Die Er­rich­tung des Mi­ni­golf­plat­zes auf dem Grund­stück des E kann je­den­falls nicht als not­wen­dige Ver­wen­dung nach § 994 BGB qua­li­fi­ziert wer­den. Da­her kommt al­len­falls ein Ver­wen­dungser­satz­an­spruch über § 996 BGB ana­log in Be­tracht.
(a) Wert­stei­ge­rung durch die Er­rich­tung des Mi­ni­golf­plat­zes
Für einen An­spruch aus § 996 BGB müsste eine Wert­stei­ge­rung ein­ge­tre­ten sein. Dies­be­züg­lich ist al­ler­dings um­strit­ten, nach wel­chen Kri­te­rien eine sol­che Wert­stei­ge­rung zu be­ur­tei­len ist.
(aa) Sub­jek­tive Wert­stei­ge­rung

Nach ei­ner An­sicht in der Li­te­ra­tur müsse die Wert­stei­ge­rung nach sub­jek­ti­ven Maß­stä­ben be­ur­teilt wer­den. Da­für wird an­ge­führt, dass auch im Rah­men des § 996 BGB der Ei­gen­tü­merschutz im Vor­der­grund ste­he. Schließ­lich solle der Ei­gen­tü­mer nicht in die Si­tua­tion ge­ra­ten, für Ei­gen­tumsver­än­de­run­gen zu zah­len, die ihm nichts nüt­zen.

Dem­zu­folge müsste der D, der mit der Be­bau­ung sei­nes Grund­stücks mit dem Mi­ni­golf­platz nichts an­fan­gen kann, kei­nen Ver­wen­dungser­satz leis­ten.

(bb) Ob­jek­tive Wert­stei­ge­rung

Der h.M. fol­gend müsse eine Wert­stei­ge­rung je­doch ob­jek­tiv be­trach­tet wer­den. Maß­geb­lich seien nicht sub­jek­tive Kri­te­rien des Ei­gen­tü­mers, son­dern ob­jek­tive Maß­stä­be.

Da­nach würde hier seine Wert­stei­ge­rung vor­lie­gen, zu­mal das Grund­stück durch die Be­bau­ung mit dem Mi­ni­golf­platz an Wert ge­won­nen hat.

(cc) Strei­tent­scheid

Für die h.M. lässt sich an­füh­ren, dass der Wort­laut des § 996 BGB kei­nen da­hin­ge­hen­den Hin­weis ent­hält, dass die Wert­stei­ge­rung nach sub­jek­ti­ven Maß­stä­ben zu be­ur­tei­len ist. Auch muss der Ge­sichts­punkt, dass nach der Vor­schrift des § 993 Abs. 1 BGB a.E. der Be­sit­zer weit­ge­hend von Scha­denser­satz­an­sprü­chen frei­ge­stellt wird, be­rück­sich­tigt wer­den. Hat dement­spre­chend der Ei­gen­tü­mer die Zer­stö­rung oder Ver­schlech­te­rung der Sa­che er­satz­los hin­zu­neh­men, er­scheint es wi­der­sprüch­lich, ihn bei ob­jek­tiv wert­stei­gern­den Auf­wen­dungen be­son­ders zu schüt­zen. Zu­dem kann auch der Norm des § 994 Abs. 2 BGB ent­nom­men wer­den, dass nur beim bös­gläu­bi­gen Be­sit­zer über die An­wen­dung der Ge­schäfts­füh­rung ohne Auf­trag das In­ter­esse bzw. der Wille des Ei­gen­tü­mers maß­geb­lich ist.

Da­her ist der h.M. zu fol­gen und eine ob­jek­tive Wert­stei­ge­rung an­zu­neh­men.

(b) Wei­tere Voraus­set­zun­gen des § 996 BGB
Zu­dem wur­den die Auf­wen­dungen vor Ein­tritt der Rechts­hän­gig­keit und dem in § 990 BGB be­stimm­ten Zeit­punkt ge­tä­tigt. Die Wert­stei­ge­rung durch die Be­bau­ung mit dem Mi­ni­golf­platz ist auch wei­ter­hin noch vor­han­den.
Zwi­schen­er­geb­nis
So­mit steht dem D ge­gen E ein An­spruch auf Ver­wen­dungser­satz i.H.v. 30.000 € aus § 996 BGB ana­log und dement­spre­chend auch gem. § 1000 S.1 BGB ana­log ein Zu­rück­be­hal­tungs­recht zu.
Er­geb­nis:
E hat ge­gen D zwar einen An­spruch auf Grund­buchbe­rich­ti­gung gem. § 894 BGB. Die­ser ist je­doch nur Zug um Zug (§§ 273, 274 BGB ana­log) ge­gen Zah­lung der 30.000 € zu er­fül­len.
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